ADHS

Medikamente der Methylphenidat-Klasse (Ritalin, Concerta u.a.) sowie Atomoxetin (zerebraler Noradrenalin-Stoffwechsel) stellen nach wie vor den vorherrschenden Behandlungsansatz beim Auftreten von Aufmerksamkeitsdefizit- und/oder Hyperaktivitätsstörungen (kurz ADHS) dar. Die medizinisch betreute medikamentöse Behandlung von ADHS hat nachweisliche Vorteile, sowohl für die Betroffenen als auch für das Umfeld. Folgendes ist jedoch zu bedenken:
Am 9. Februar 2006 stimmte ein Beratungsgremium der behördlichen US-Zulassungsbehörde "FDA" positiv darüber ab, Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat mit einem schwarz umrandeten Warnhinweis zu kennzeichnen. Der Grund für diese Maßnahme war die Beobachtung von 25 plötzlichen Todesfällen (19 bei Kindern) und 54 nichttödliche Zwischenfälle (26 bei Kindern) nach der Einnahme von Medikamenten mit den Wirkstoffen Amphetamin, Dextroamphetamin und Methylphenidat (Ritalin, Concerta u.a.). Schwarz umrahmte Hinweise auf Medikamentenschachteln werden von der FDA in der Regel nur bei schwerwiegenden Risiken verlangt. Zudem ist bekannt, dass die längerfristige Einnahme dieser Medikamente Wachstumsverzögerungen verursacht (Quelle: Fachinformation des Arzneimittel-Kompendiums der Schweiz). Die beschriebenen Zwischenfälle stehen in einem direkten Zusammenhang mit der hohen und leider oft undifferenzierten Verschreibungsbereitschaft dieser Medikamente.
In vielen Fällen führt die Einnahme von Ritalin zu einer sehr raschen Verbesserung der ADHS-Symptome. Eltern, Ärzte und betroffene Kinder sehen darin oft den Beleg, die richtige Therapie gefunden zu haben. Es muss entgegengehalten werden, dass die positiven Verhaltensänderung nur für die Dauer des Wirkstoffeinflusses anhält und nach dem Absetzen des Medikamentes meist keinen nachhaltigen Therapieeffekt besitzt. Zudem beginnen mit der Dauer der Einnahme die Nachteile der medikamentösen Behandlung die Vorteile zu überwiegen.
Grundsätzlich hat zu gelten: "Keine Behandlung ohne gewissenhafte Diagnose"! Der schlechte Ruf der medikamentösen Behandlung geht oft mit unzureichenden Diagnosepraktiken einher. Eine gewissenhafte Diagnose umfasst neben der Einschätzung des physiologischen Status auch psychologische und soziale Faktoren als auch eine spezielle quantitative EEG-Messung. Nur mit einer gewissenhaften psychologischen Diagnosestellung kann bestimmt werden, welche Ursachen der Aufmerksamkeitsstörung bzw. der Hyperaktivität Ihres Kindes zugrunde liegt. Der Zeitaufwand für eine gewissenhafte und seriöse Diagnose liegt bei etwa 4 bis 6 Stunden (die Krankenkassen finanzieren dabei einen Teil der Diagnosekosten). Folgende Ursachen sollten in einer umfassenden Diagnose abgeklärt werden:
- Ernährungsbedingte Stoffwechselbeeinträchtigung des Gehirns
- Angeborene Störung des Gehirnstoffwechsels (beschleunigter Abbau spezieller Neurotransmitter wie Dopamin)
- Spezielle Hochbegabung bezüglich schulischer Anforderungen (auch Teilleistungsstärken)
- Spezielle Architektur der Gehirnfunktionen (Bsp.: Dominanz der rechten Gehirnhälfte)
- Psychosoziale Problembereiche im familiären oder schulischen Umfeld (Scheidung, Streitigkeiten etc.)
- Psychische Traumatisierung
- Depressive Episode
- Angststörungen (soziale Phobien)
- Erhöhter vegetativ-sympathischer Tonus (verschiedene Ursachen)
- Allergische Reaktionen (Diätplan)
- u.a.
Ausgehend von der Diagnosestellung ergeben sich sehr differenzierte Behandlungsansätze, die bei weitem über die alleinige Verschreibung von Medikamenten hinausreichen.
Jedoch kann die befristete medikamentöse Behandlung eine wichtige begleitende Maßnahme in der AD/HS-Behandlung sein.
Die Behandlung einer ADHS-Störung soll sich an den Erkenntnissen neuerster wissenschaftlicher Untersuchungen orientieren und kann nicht, wie bei Ritalin, tradierten Gepflogenheiten folgen. In einer umfassenden Untersuchung von
Vincent J. Monastra konnte festgestellt werden, dass sich die medikamentöse Behandlung einer ADHS-Störung sehr gut mit komplementären Ansätzen verbinden läßt. Nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand beziehen sich die erfolgreichsten Behandlungsansätze (1.) auf den Erziehungsstil und (2.) auf das Neurofeedbacktraining. Eine medikamentöse Basisbehandlung (z.B. Ritalin) kann dann sinnvoll sein, wenn von einer biochemischen Fehlregulation bestimmter Gehirnbereiche auszugehen ist. In diesem Fall liegt der Hyperaktivität ein beschleunigter Abbau von Dopamin im Gehirn zugrunde. Zu unterscheiden ist diese Fehlregulation von einem Dopaminmangel, wie er bei der Parkinson-Erkrankung auftaucht. Mit modernen verhaltensorientierten Therapieansätzen besteht aber auch die Möglichkeit, medikamentöse Therapien nur so lange fortzuführen, bis über ein verhaltensmodifizierendes Lerntraining körpereigene Selbstregulationsprozesse ausgebildet wurden. Nach heutigem Wissensstand stellen Medikamente keine Therapie dar sondern können in den meisten Fällen die Symptome lediglich dämpfen.
Neurofeedback ist ein computerunterstütztes Verhaltenstraining. Wie bei einem EEG werden Hirnströme gemessen und auf einem Bildschirm sichtbar gemacht. Ziel des Trainings ist es, Aktivitätszustände des Gehirns zu reduzieren, die für die hyperaktive Symptomatik verantwortlich zu machen sind. In jeder Phase der Behandlung bestimmt alleinig der Patient den Lernfortschritt. Im Gegensatz zu herkömmlichen mentalen oder medikamentösen Therapiemethoden beruht der Effekt der Neurofeedback-Therapie auf dem Prinzip der aktiven Selbstregulation und Selbststeuerung. In diesem Bereich liegen auch die größten Stärken hyperaktiver Kinder. Man nützt so die Stärken des Patienten, um konzentrative Ruhezustände aufzubauen. Durch modernste Technologien ist es mit der Neurofeedback-Therapie möglich, in einer einzigen Sitzung 300 bis 1000 unmittelbare Rückmeldungen über positive Verhaltenzustände des Gehirns zu geben. Dadurch können therapeutische Effekte erzielt werden, die unter herkömmlichen Therapie- und Lernvorgängen niemals möglich wären.
Anmerkung:
Nach wie vor wird von vielen AD/HS-Experten angegeben, dass die Neurofeedback-Therapie für die Behandlung einer AD/HS-Störung noch zu wenig erforscht ist. Tatsache ist, dass es zur AD/HS-Behandlung mit Neurofeedback mehr kontrollierte wissenschaftliche Medline-Einträge d.h. Untersuchungen gibt als (1.) zur Behandlung von AD/HS mit Medikamenten sowie (2.) zur Behandlung von AD/HS mit einer anderen alternativen Behandlungsmethode. (Wissenschaftliche Studien finden Sie
hier: Schlagwort "ADHD" und "Neurofeedback".)